Donnerstag, 9. Juli 2026

Wie bekomme ich mein Sättigungsgefühl zurück?

So, mal wieder ein "handfestes" Thema. Dass das Sättigungsgefühl bei Menschen mit Bulimie fehlt, ist bekannt. Dass man es wieder zurück bekommt, daran zweifeln viele Betroffene.
Ich will euch an dieser Stelle Hoffnung machen: es kommt wieder, wenn ihr es lasst.
Klar, wenn man sehr unregelmäßig und entweder zuviel oder zuwenig isst, hat es keine Chance. Wenn man es allerdings schafft, über mehrere Monate einigermaßen "normale" Portionen zu essen, dann ist es irgendwann soweit: man fühlt sich nach dem Essen gesättigt und nicht nur voll. Die Dauer hängt natürlich wieder davon ab, wie lange man schon essgestört war.
Doch woher kommt es eigentlich, dass das Sättigungsgefühl bei der Bulimie verschwindet?

Man kann hier eine Parallele zur Adipositas ziehen: auch diese Menschen kennen kein normales Sättigungsgefühl. Bei ihnen hat man festgestellt, dass sie eine Resistenz gegenüber dem Sättigungshormon Leptin aufweisen. Das Leptin, das bei Gesunden das Hungergefühl mindert, kann bei Adipösen seine Wirkung im Gehirn nicht entfalten. Wie dieser Mechanismus genau funktioniert, ist momentan allerdings noch nicht geklärt (Quelle).

Beim Gesunden ruft folgender Vorgang die Sättigung hervor:
Im Gehirn gibt es sowohl ein Sättigungs- als auch ein Hungerzentrum, die zum sog. orexischen Netzwerk gehören. Beide sind nie gleichzeitig aktiv. Man kann also entweder satt oder hungrig sein.
Sobald Essen im Magen ankommt, werden Mechanorezeptoren aktiv und melden dies dem Gehirn. Chemorezeptoren im Darm und der Leber reagieren, die den Nährstoffgehalt der Nahrung messen. Der Körper erkennt auf diese Weise, welcher Nährwert aufgenommen wurde.

Das Interessante an diesem Vorgang ist, dass er nicht funktioniert, wenn eine kleine, aber hochkalorische Nahrungsmenge aufgenommen wurde. In diesem Fall wird der Magen nicht (genug) ausgedehnt und die Chemorezeptoren werden dann auch nicht aktiv.

Sobald die Nahrung im Darm ankommt, werden dort Hormone gebildet, die erneut Sättigungssignale ans Gehirn senden. Das Gehirn setzt dann appetitzügelnde Substanzen frei, unter anderem Serotonin.

Warum ist das Sättigungsgefühl bei Bulimie gestört?


Bei der Bulimie kommen mehrere Dinge zusammen, die dieses fein abgestimmte System durcheinanderbringen.

Da ist zunächst der Essanfall selbst. Er überschwemmt den Körper mit einer Nahrungsmenge, die das normale Sättigungssystem gar nicht mehr sinnvoll verarbeiten kann. Die Signale, die eigentlich „Stopp, es reicht" sagen würden, werden während eines Anfalls immer wieder bewusst übergangen. Kommt dann noch das Erbrechen dazu, wird die Nahrung entfernt, bevor sie im Darm ankommt und dort die beschriebenen Sättigungshormone bilden kann. Das Gehirn bekommt also nie die vollständige Rückmeldung, die es für ein echtes Sättigungsgefühl bräuchte.

Dazu kommt der gedehnte Magen. Wer über längere Zeit immer wieder sehr große Mengen isst, dehnt den Magen regelmäßig stark aus. Mit der Zeit gewöhnt er sich an dieses größere Volumen – die Mechanorezeptoren schlagen dann erst bei entsprechend größeren Mengen an. Was bei einem „normalen" Magen längst ein Stop-Signal auslösen würde, reicht beim gedehnten Magen nicht mehr aus.

Besonders spannend wird es beim Hormon Cholecystokinin (CCK). Es ist eines der wichtigsten Sättigungshormone und wird im Darm gebildet, sobald Nahrung dort ankommt. Bei Menschen mit Bulimie hat man in Studien festgestellt, dass die Ausschüttung dieses Hormons vermindert ist. Weniger CCK bedeutet weniger Sättigungssignal, man isst also weiter, obwohl der Körper eigentlich längst genug hätte.

Und schließlich das Serotonin. Wie oben beschrieben, setzt das Gehirn zur Sättigung unter anderem Serotonin frei. Bei der Bulimie ist der Serotoninhaushalt häufig gestört. Da Serotonin gleichzeitig eine große Rolle für die Stimmung spielt, erklärt das nebenbei auch, warum Essstörungen und depressive Verstimmungen so oft Hand in Hand gehen.

Was bedeutet das für mich?

Der vielleicht wichtigste Punkt ist aber gleichzeitig der hoffnungsvollste: Das Sättigungssystem ist lernfähig. Wer seine Sättigungssignale über Monate oder Jahre immer wieder ignoriert, „trainiert" dem Körper gewissermaßen ab, überhaupt noch darauf zu achten. Die gute Nachricht ist: genau das lässt sich auch wieder umkehren.

Und damit sind wir wieder am Anfang. Wenn ihr eurem Körper über einen längeren Zeitraum regelmäßige, normale Mahlzeiten gönnt, bekommen der Magen, die Hormonausschüttung und das Gehirn die Chance, sich neu einzupendeln. Das System muss vieles wieder lernen, und das braucht Zeit und Geduld. Das Sättigungsgefühl ist nicht für immer verloren, sondern kommt zurück, wenn ihr es lasst.

Freitag, 26. Juni 2026

Wirkt Bulimie als Trauma?

Wenn man über Trauma und Bulimie spricht, denken die meisten an Ereignisse vor der Bulimie: Missbrauch, eine schwierige Kindheit oder diskriminierende Erfahrungen. Dass die Bulimie also als Folge dieser Erfahrungen entsteht. 

Und ja, das spielt bei vielen Betroffenen eine Rolle. 

Aber ein ganz anderer Faktor wird nie benannt: Nämlich dass Bulimie selbst traumatisierend wirken kann, und das nicht wenig. Es wird Zeit, dass wir diesen blinden Fleck mit ins Bild nehmen. 

Was genau steckt dahinter?

Bulimie hinterlässt Wunden. Jedes Mal, wenn du die Kontrolle verlierst obwohl du dir dieses Mal sicher warst es heute nicht zu tun. Wenn du vor deiner Familie das Gesicht verlierst, weil sie dich in beschämenden Umständen antreffen. Wenn dein Gesicht vom Erbrechen aufgequollen ist und du trotzdem deinen Alltag weiterleben musst. Wenn du deinen Körper mit jedem FA langsam aber sicher zerstörst. 

Zwei konkrete traumatisierende Aspekte sind schon gut erforscht - nämlich dass sowohl FA als auch Erbrechen so belastend sein können, dass wir uns in diesem Moment von der Erfahrung abspalten. Du hast dann das Gefühl, du erlebst die Situation gar nicht selbst, sondern eher als würdest du dir selbst dabei zusehen. In der Psychologie nennt man diesen Moment Dissoziation. Dissoziation ist auch das Hauptmerkmal traumatischer Erfahrungen. Die Psyche schützt sich, in dem sie die Situation "verlässt". 

Kontrollverlust ist nicht nur unangenehm, sondern hinterlässt Spuren

Eines der diagnostischen Hauptkriterien von Bulimie ist der Kontrollverlust während des FAs. Und dieser Kontrollverlust, den du immer wieder erlebst, ist Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins, Ohnmacht. Du hast keinen bewussten Einfluss mehr auf dein Handeln, und das sehr regelmäßig. Wie sollst du da Vertrauen in dich, Selbstbewusstsein, überhaupt ein Gefühl für dich entwickeln?

Stattdessen entsteht ein tiefes Gefühl, dass du dich nicht auf dich selbst verlassen kannst, und das Gefühl wird mit jedem nicht geplanten FA stärker.

Scham und Ekel als unsichtbare Begleiter

So vieles, was mit FA und Erbrechen zu tun hat, führt zu Scham und Ekel. Du kannst Scham und Ekel aber nicht einfach ausschalten, sondern sie werden erst verschwinden sobald du auf FAs und Erbrechen "verzichtest" und sie einfach kein Teil deines Lebens mehr sind. 
 
Eine wissenschaftliche Meta-Analyse zeigte, dass Scham das emotionale Merkmal der Bulimie schlechthin ist. Je stärker die Anfälle, desto größer die Scham. Je stärker die Scham, desto größer wird das Bedürfnis nach Rückzug - denn die Scham baut eine Mauer zwischen dir und anderen. Und hinter dieser Mauer isolierst du dich selbst, aber mit dem fehlenden sozialen Kontakt verlierst du auch das Gefühl für dich, dafür wer du eigentlich bist. Das ist ein gefundenes Fressen für die Bulimie - sie wächst dadurch immer weiter. 
 
Dein Weg aus der Bulimie - Posttraumatisches Wachstum statt Posttraumatischer Belastungsstörung
 
Es gibt eine gute Nachricht: Du kannst das Trauma, das durch die Bulimie entstanden ist, überwinden. 
 
Aber nicht nur das: Der Grund, warum ich mich immer noch mit diesem Thema beschäftige, ist eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe und auf die mich niemand vorbereitet hatte. Und mittlerweile wurde auch dieses Phänomen erforscht, es wurde bestätigt, es ist real: Nämlich dass du Wachstum erfahren kannst, und dieses Wachstum kommt mit der Genesung. 
 
Sobald du dich auf den Weg machst, die Bulimie hinter dir zu lassen, und du wirklich auf dem richtigen Weg bist, dann wirst du dich aktiv mit der Formung deiner neuen Identität beschäftigen. 
 
Du wirst andere, tiefere Beziehungen erleben. Ein neues, gesundes Verhältnis zu deinen Grenzen bekommen. Tiefere emotionale Intelligenz erfahren und vor allem eine neue Idee davon bekommen, wer du wirklich bist. Vieles davon ist etwas, was andere Menschen ihr ganzes Leben lang nicht entwickeln, aber du bekommst mit deiner Bulimie die Chance, all das auf links zu drehen und wie auf einem Reißbrett für dich neu zu gestalten, so dass es wirklich für dich passt.
 
Ich wünsche dir, dass du Lust bekommmst, dich auf den Weg zu machen! Gern begleite ich dich dabei persönlich.
 

Quellenverzeichnis
McShane, J. M. & Zirkel, S. (2008). Dissociation in the Binge–Purge Cycle of Bulimia Nervosa. Journal of Trauma & Dissociation, 9(4), 463–479.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19042792/
American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5), Diagnosekriterien für Bulimia Nervosa (u.a. Essanfall- und Kontrollverlust-Definition). Siehe z. B. zusammenfassend bei NEDA:
https://www.nationaleatingdisorders.org/bulimia-nervosa/
McShane, J. M. & Zirkel, S. (2008), s. Quelle 1 – die Studie beschreibt Dissoziation auch als möglichen "Fluchtmechanismus" während des Purgings. Ergänzend dazu Forschung zu Trauma und Essstörungen:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10247514/
Blythin, S. P. M., Nicholson, H. L., Macintyre, V. G., Dickson, J. M., Fox, J. R. E. & Taylor, P. J. (2020). Experiences of shame and guilt in anorexia and bulimia nervosa: A systematic review. Psychology and Psychotherapy: Theory, Research and Practice. Basierend auf einer Literatursuche bis April 2018, 24 eingeschlossene Studien.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30182527/
Eaton, C. M. & Phillips, K. E. (2024). Posttraumatic growth in eating disorder recovery. Archives of Psychiatric Nursing, 49, 38–46.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0883941724000025
Tosi, C., Patanè, D., Natali, L., Meregalli, V. & Cardi, V. (2025). Meanings of recovery and post-traumatic growth in people with lived experience of eating disorders: a qualitative study. Journal of Eating Disorders, 13, Art. 1258.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12016052/