Wenn man über Trauma und Bulimie spricht, denken die meisten an Ereignisse vor der Bulimie: Missbrauch, eine schwierige Kindheit oder diskriminierende Erfahrungen. Dass die Bulimie also als Folge dieser Erfahrungen entsteht.
Und ja, das spielt bei vielen Betroffenen eine Rolle.
Aber ein ganz anderer Faktor wird nie benannt: Nämlich dass Bulimie selbst traumatisierend wirken kann, und das nicht wenig. Es wird Zeit, dass wir diesen blinden Fleck mit ins Bild nehmen.
Was genau steckt dahinter?
Bulimie hinterlässt Wunden. Jedes Mal, wenn du die Kontrolle verlierst obwohl du dir dieses Mal sicher warst es heute nicht zu tun. Wenn du vor deiner Familie das Gesicht verlierst, weil sie dich in beschämenden Umständen antreffen. Wenn dein Gesicht vom Erbrechen aufgequollen ist und du trotzdem deinen Alltag weiterleben musst. Wenn du deinen Körper mit jedem FA langsam aber sicher zerstörst.
Zwei konkrete traumatisierende Aspekte sind schon gut erforscht - nämlich dass sowohl FA als auch Erbrechen so belastend sein können, dass wir uns in diesem Moment von der Erfahrung abspalten. Du hast dann das Gefühl, du erlebst die Situation gar nicht selbst, sondern eher als würdest du dir selbst dabei zusehen. In der Psychologie nennt man diesen Moment Dissoziation. Dissoziation ist auch das Hauptmerkmal traumatischer Erfahrungen. Die Psyche schützt sich, in dem sie die Situation "verlässt".
Kontrollverlust ist nicht nur unangenehm, sondern hinterlässt Spuren
Eines der diagnostischen Hauptkriterien von Bulimie ist der Kontrollverlust während des FAs. Und dieser Kontrollverlust, den du immer wieder erlebst, ist Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins, Ohnmacht. Du hast keinen bewussten Einfluss mehr auf dein Handeln, und das sehr regelmäßig. Wie sollst du da Vertrauen in dich, Selbstbewusstsein, überhaupt ein Gefühl für dich entwickeln?
Stattdessen entsteht ein tiefes Gefühl, dass du dich nicht auf dich selbst verlassen kannst, und das Gefühl wird mit jedem nicht geplanten FA stärker.
Scham und Ekel als unsichtbare Begleiter
Quellenverzeichnis
McShane, J. M. & Zirkel, S. (2008).
Dissociation in the Binge–Purge Cycle of Bulimia Nervosa. Journal of
Trauma & Dissociation, 9(4), 463–479.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19042792/
American
Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental
Disorders (DSM-5), Diagnosekriterien für Bulimia Nervosa (u.a.
Essanfall- und Kontrollverlust-Definition). Siehe z. B. zusammenfassend
bei NEDA:
https://www.nationaleatingdisorders.org/bulimia-nervosa/
McShane,
J. M. & Zirkel, S. (2008), s. Quelle 1 – die Studie beschreibt
Dissoziation auch als möglichen "Fluchtmechanismus" während des
Purgings. Ergänzend dazu Forschung zu Trauma und Essstörungen:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10247514/
Blythin,
S. P. M., Nicholson, H. L., Macintyre, V. G., Dickson, J. M., Fox, J.
R. E. & Taylor, P. J. (2020). Experiences of shame and guilt in
anorexia and bulimia nervosa: A systematic review. Psychology and
Psychotherapy: Theory, Research and Practice. Basierend auf einer
Literatursuche bis April 2018, 24 eingeschlossene Studien.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30182527/
Eaton,
C. M. & Phillips, K. E. (2024). Posttraumatic growth in eating
disorder recovery. Archives of Psychiatric Nursing, 49, 38–46.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0883941724000025
Tosi,
C., Patanè, D., Natali, L., Meregalli, V. & Cardi, V. (2025).
Meanings of recovery and post-traumatic growth in people with lived
experience of eating disorders: a qualitative study. Journal of Eating
Disorders, 13, Art. 1258.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12016052/